theologie.geschichte, Bd. 4 (2009)

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theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte


Helke Stadtland (Hrsg.), „Frieden auf Erden“. Religiöse Semantiken und Konzepte des Friedens im 20. Jahrhundert (Frieden und Krieg. Beiträge zur Historischen  Friedensforschung, Bd. 12), Essen 2009, Klartext Verlag, 29,95 Euro, 306 S., ISBN: 9783837501414


Nicht erst die kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Jahre  zeigen und zeigten, dass der Religion eine bedeutende Rolle in den  Konflikten und Gewalttaten der gegenwärtigen Weltgeschichte zukommt.  Immer schon waren Religion und Gewalt auf eine merkwürdige Weise in  der Geschichte der Menschheit miteinander verwoben. So war auch das Christentum eine Quelle der Gewalt und Radikalisierung in der Geschichte Europas bis in die jüngste Vergangenheit hinein.[1] Dieser Tatsache wurde in der wissenschaftlichen Wahrnehmung der letzten Jahre großes Interesse entgegengebracht. Die Diskussionen darüber waren und sind vielseitig und ertragreich. Demgegenüber wurde der Frage, wie es um das Verhältnis von Religion und Frieden steht, bis jetzt wenig bis gar kein Interesse gezollt, obwohl  sich die Friedensbewegungen – auch wenn sie sich selber nicht religiös verstanden wissen wollten – einer religiösen Sprache bedienten und die Religionen die Friedenskonzepte und -theorien maßgeblich beeinflusst und geprägt haben. Hört man genauer hin, wird in den Friedensdiskursen im politischen und gesellschaftlichen Rahmen mit religiösen Begriffen kommuniziert oder ist die Kommunikation über den Frieden gar religiös motiviert.

Dieser in der Forschung bislang wenig beachteten Thematik wurde auf der Jahrestagung des Arbeitskreises Historische Friedensforschung mit dem Titel „Religiöse Semantik des Friedens“ im Herbst 2006 in Bochum nachgegangen und damit ein weites Feld von Forschungsmöglichkeiten und -desideraten eröffnet.

Vorliegender Sammelband umfasst, gegliedert in drei Teile, neben der Einleitung der Herausgeberin elf Beiträge von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Disziplinen Geschichte, Theologie, Kirchengeschichte und Rechtswissenschaft. Die Fruchtbarkeit interdisziplinären Arbeitens wurde von den Veranstaltern der Tagung für den Themenkomplex der historischen Friedensforschung damit bereits bedacht und spiegelt sich im Sammelband wider.

Den theoretischen und methodischen Forschungsrahmen des Sammelbandes skizziert die Historikerin Helke Stadtland im ersten Teil des Bandes. Dabei geht sie davon aus, dass christlich geprägte Gesellschaften ihr Friedensdenken auf die prominente Chiffre „Friede auf Erden“ stützen und stützten. Darin zeige sich eine eigentümliche Aufspaltung der Welt in eine immanente und eine transzendente Sphäre, wodurch jedoch wiederum die Vorstellung vom himmlischen Frieden das Friedensdenken und die Friedensdiskurse in Politik und Gesellschaft bestimmten und bestimmt hätten. Ein Rückgriff auf religiöse Semantik in den Friedensdiskursen habe im 20. Jahrhundert durchaus stattgefunden; dieser Tatsache sei allerdings bislang wenig bis kein Interesse innerhalb der Forschung entgegen gebracht worden   im Gegensatz zum Zusammenhang von Religion und Gewalt. Aufgrund der Verflechtung religiöser und politischer Friedenssemantiken plädiert Stadtland dafür, Diskurse, Begriffe und Symbole zu untersuchen und begriffsgeschichtlich aufzuarbeiten, d.h. primär die diskursiven Bereiche in die Forschung mit einzubeziehen sowie die jeweiligen Akteure, Gruppen und Bewegungen auf ihre Friedensdiskurse und Kommunikationsformen hin zu analysieren.

Mit einigen systematisierenden Gedanken beschließt Volker Krech den ersten Teil des Bandes. Der Zusammenhang von Religion und Frieden wie auch der von Religion und Gewalt sei variantenreich. Es sei deshalb Aufgabe der Geschichtswissenschaft ihn „zu historisieren“ und so in seinen sozio-kulturellen Kontext zu stellen. Er plädiert dafür, die Kontexte je nach der Verwendung religiöser Semantiken zu differenzieren. Er unterscheidet genuin religiöse Kontexte von Kontexten, in denen sich Religion und Politik vermischen, sowie eine Polykontextualität beider Semantiken, der religiösen und der politischen. Von diesen drei Unterscheidungen hebt er das Phänomen der Sakralisierung ab, da sich politische Kontexte u.U. mit religiösen Semantiken „aufladen, ohne doch spezifisch religiös genannt werden zu können“ (S. 58). In chronologischer Reihenfolge wird seinem Plädoyer in vorliegendem Sammelband Rechnung getragen.

Der zweite Teil des Sammelbandes beschäftigt sich in fünf Beiträgen unter der Überschrift „Im Zeitalter der Weltkriege“ mit Phänomenen aus dem religiösen Kontext. Jörg Seiler befasst sich mit päpstlichen Marienenzykliken (1854-1954) und deren veränderter Programmatik aus begriffsgeschichtlicher Perspektive.  So wurde aus der Sieghelferin Maria des 19. Jahrhunderts im 20. Jahrhundert die Friedenskönigin, was Seiler mit der Funktion des Heiligen Stuhles und der Kirche im jeweiligen zeitlichen Kontext  - Säkularisierungsprozesse und Verlust des Kirchenstaates im 19. Jhd., überparteiliche Vermittlerrolle während der beiden Weltkriege im 20. Jhd. – erklärt. Mit den Katholikentagen der Weimarer Republik beschäftigt sich Marie-Emmanuelle Reytier. Sie stellt fest, dass die Friedenskonzeptionen prominenter Katholiken, wie Kardinal Michael von Faulhaber, Konrad Adenauer, u.a., sich je nach individueller Stellung ihrer Verfechter im politischen und/oder theologisch-kirchlichen Kontext unterscheiden. Alf Christophersen widmet sich Friedenskonzepten von Vertretern der Lutherrenaissance in der Weimarer Republik. Seine Aufmerksamkeit gilt vor allem dem Göttinger Systematiker und Kirchenhistoriker Emanuel Hirsch, der mit seiner Theologie das nationalsozialistische Regime stützte, Adolf Hitler verehrte und der Religion im Krieg eine alles andere als pazifistische Rolle zuerkannte. Als Pendant dazu steht der Beitrag von Till Kössler zu den Friedenssemantiken im spanischen Katholizismus während des Bürgerkrieges (1936-1939), die sich im Spannungsverhältnis zwischen der Parteinahme der Kirche im Krieg und der Friedensbotschaft der christlichen Lehre bewegten und eng an die politische Stellung der Kirche gebunden waren. Den zweiten Teil des Bandes schließt Christian Scharnefsky mit einer Untersuchung zum Zusammenhang von Religion und aktivem Pazifismus zwischen 1920 und 1950 ab, wofür er als Beispiele die säkulare War Resisters International den religiösen „Quäkern“ und dem International Fellowship of Reconciliation gegenüberstellt und hinsichtlich der Verwendung religiöser Friedenssemantik interessante Parallelen aufzeigt.

Der dritte Teil des Bandes vereint unter der Überschrift „In der Periode des kalten Krieges“ Beiträge zu Parteien, Gruppierungen und Bewegungen und deren Friedensinitiativen in Ost- und Westdeutschland, Großbritannien und den Niederlanden. Janosch Steuwer und Jürgen Mittag stellen in ihrem Beitrag zu der Programmatik und Semantik der Friedenskonzeptionen sozialdemokratischer Bundespräsidenten und Bundeskanzler fest, dass die jeweiligen Friedenskonzepte, obwohl sie von Mitgliedern derselben Partei stammen, vor allem biografisch bedingt divergieren. Holger Nehring untersucht religiöse und moralische Semantiken des Friedens in den britischen und westdeutschen Protesten gegen Atomwaffen (1957-1983). Er bezeichnet sie als „Sicherheitstherapien“, da sie aus den gewaltsamen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges heraus in Form therapeutischer Diskurse  entstanden seien.

Dem genuin religiösen Kontext der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg widmen sich die drei den Band abschließenden Beiträge. Anke Silomon beschreibt am Beispiel von Friedensbegriffen und –symbolen, vor allem anhand des biblischen Symbols für den Frieden „Schwerter zu Pflugscharen“, die Auseinandersetzung der kirchlichen Friedensbewegung der DDR mit dem SED-Regime. Wie gegensätzliche Weltanschauungen zu je unterschiedlichen Konzeptionen des Friedens führen können, wird an dieser Studie besonders deutlich. Die Initiativen für eine europäische Entspannungspolitik nimmt Katharina Kunter in den Blick. Diese zielten in Richtung einer konziliaren Idee für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Mit einem Zeitzeugenbericht von Ulrich Werner zu den pazifistischen Aktivitäten der katholischen Initiative Kirche von unten schließt der Band. 

Mit einem breiten Spektrum an Einzelstudien und den systematisierenden Überlegungen von Helke Stadtland und Volker Krech liefert der vorliegende Sammelband erste Einblicke in ein Forschungsfeld, dem bis jetzt noch zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Der Ertrag ist vielschichtig, fundiert und zeigt an, in welche Richtungen die Diskussionen um religiöse Semantiken und Konzepte des Friedens noch gehen können und unbedingt gehen müssten.



[1] Vgl. Holzem, Andreas (Hrsg.), Krieg und Christentum. Religiöse Gewalttheorien in der Kriegserfahrung des Westens (Krieg in der Geschichte, Bd. 50), Paderborn, u.a. 2009.

Rezensentin:
Bettina Reichmann




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