theologie.geschichte, Bd. 4 (2009)

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theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte


Stefan Zahlmann, Autobiographische Verarbeitungen des gesellschaftlichen Scheiterns. Die Eliten der amerikanischen Südstaaten nach 1865 und der DDR nach 1989, Köln 2009, Böhlau-Verlag, 42,90 EUR, 352 S., ISBN: 978-3-412-20288-0


Stefan Zahlmann greift in seiner Studie ein derzeit viel diskutiertes Thema auf: fast genau 20 Jahre nach dem Mauerfall beschäftigt er sich mit dem Prozess der politischen und kulturellen Vereinigung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Dabei hinterfragt er die komplexen Prozesse, die 1989 in Gang gesetzt wurden unter der Fragestellung, ob die beiden deutschen Staaten seit der Wiedervereinigung tatsächlich zusammengewachsen sind. Jedoch nähert er sich dieser Thematik aus einem außergewöhnlichen, komparatistischen Blickwinkel. Sein Buch Autobiographische Verarbeitung des gesellschaftlichen Scheiterns. Die Eliten der amerikanischen Südstaaten nach 1865 und der DDR nach 1989 (der Titel erinnert an Christine Gerhardts Untersuchung zum Nachbürgerkriegsroman, Rituale des Scheiterns, ersch. 2002), das im Rahmen des kulturwissenschaftlichen DFG-Sonderforschungsbereichs „Norm und Symbol: Die kulturelle Dimension sozialer und politischer Integration“ an der Universität Konstanz entstanden ist vergleicht etwas auf den ersten Blick Unvergleichbares: Die gemeinsame Betrachtung der autobiographischen Erinnerungen von Eliten der amerikanischen Südstaaten und der Deutschen Demokratischen Republik scheint zunächst auf Grund der räumlichen und zeitlichen Differenz, aber auch mit Blick auf den sehr unterschiedlichen Prozess des Verschwindens durch einen Bürgerkrieg bzw. eine Bürgerrechtsbewegung „zum Scheitern“ verurteilt.

Methodisch konzentriert sich Zahlmann anhand repräsentativer Fallstudien auf das Scheitern der Gesellschaftsmodelle Confederate States of America (1861-1865) und Deutsche Demokratische Republik  (1949-1989) und deren Verarbeitung im kulturellen Gedächtnis der Vereinigten Staaten von Amerika und Deutschlands, wobei er den Assmannschen Begriff des kulturellen Gedächtnisses zugrunde legt. Somit  liefert er einen Beitrag zur kultur- und geschichtswissenschaftlichen Debatte über Erinnerungskulturen einerseits und über gesellschaftliche und kulturelle Einigungsprozesse, wie die USA und Deutschland sie erlebt haben, andererseits.

Die in seiner Studie behandelten autobiographischen Texte, die von so extrem unterschiedlichen Figuren wie Jefferson Davis und Harriet Beecher Stowe, Erich Honecker und Angela Merkel stammen, betrachtet Zahlmann  als „zwei zeitlich versetzte und unabhängig voneinander erfolgende kulturelle Auseinandersetzungen mit gleichartigen gesellschaftlichen Konstellationen“ (S. 20). Diese weisen Parallelen auf, die – so ein Ergebnis der Arbeit – teils in der strukturellen Gleichartigkeit westlicher Erinnerungspraktiken begründet liegen, teils aber auch in der ähnlichen inneren Organisation der Gesellschaftssysteme der Confederate States of America und der Deutschen Demokratischen Republik. Autobiographische Erinnerungen sind immer auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Zeit und den gesellschaftlichen Voraussetzungen. Insofern stehen sie verbindend zwischen  individueller und kollektiver Erinnerung. Die Erinnerung an das Scheitern stellt sowohl in den USA als auch in Deutschland nachgewiesenermaßen einen wichtigen Faktor im gesellschaftlichen Vereinigungsprozess dar. Aus diesem Blickwinkel ist hier einerseits tatsächlich eine gewisse Vergleichbarkeit gegeben: Beim Scheitern der CSA und der DDR und deren autobiographischer Verarbeitung geht es immer auch um biographische Brüche, die ihren Weg in die nationale Erinnerungsgemeinschaft gefunden haben.

Wie die fast 40 Seiten umfassende Quellen- und Literaturliste zeigt, hat sich der Autor umfassend mit den autobiographischen und biographischen Quellen und auch der theoretischen Literatur zum Scheitern, zur Geschichte von CSA und DDR, zu autobiographischen Texten, zur Moderne und zum kulturellen Gedächtnis auseinandergesetzt (309-347).  Damit legt er gleichzeitig auch eine umfassende Übersicht über die Quellenlage im Hinblick auf das von ihm bearbeitete Themenfeld vor. Analysiert werden in der Studie jedoch ausschließlich veröffentlichte autobiographische Erinnerungen ostdeutscher und südstaatlicher Eliten. Dabei definiert Zahlmann Mitglieder von Eliten als  Personen, die auf Grund ihrer Position  entscheidend zur politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung von CSA und DDR beigetragen haben („alte Eliten“), zählt dazu aber auch deren Gegner („Gegeneliten“) sowie diejenigen Bürgerinnen und Bürger, die im vereinigten Land eine gesellschaftliche Bedeutung erlangt haben („neue Eliten“). Zur letzteren Gruppe können auch Menschen zählen, denen bereits in den Südstaaten bzw. in der DDR große Bedeutung zukam.

Nachdem Zahlmann im ersten Teil der Studie zunächst Grundlagen der Geschichte und des Gesellschaftssystems der Südstaaten der USA und der DDR sowie deren Scheitern erarbeitet und die Bedeutung autobiographischer Schriften für das kulturelle Gedächtnis erläutert, widmet er die folgenden beiden Teile den Südstaaten und der DDR.  1865 bzw. 1989 scheiterten vor allem die Bemühungen der gesellschaftlichen Eliten, ihre Gesellschaftsmodelle dauerhaft der eigenen Bevölkerung aufzuoktroyieren.  Die Studie stellt in diesem Sinne komplexe Fragen nach der biographischen Verarbeitung des eigenen, aber auch des gesamtgesellschaftlichen Scheiterns sowie danach, für welche Gesellschaft der gescheiterte Staat stand, wie Gegner und Krisen beschrieben werden und ob diese Erinnerungen für die Vereinigung der rivalisierenden Staaten eher trennende oder verbindende Wirkung haben.  Der zusammenfassende letzte Teil befasst sich mit dem Einfluss des Scheiterns auf kulturelle Gedächtnisse in der westlichen Moderne. In diesem Teil zeigt er strukturelle Parallelen des Gedächtnisses beider Staaten auf und stellt die Frage nach der Bedeutung dieser Gedächtnisse der „Eliten“ für das nationale Gedächtnis bzw. die Identität als vereinigter Staat.

Zahlmann greift in seiner Analyse heterogene Themen auf, die spezifisch auf das Leben in den amerikanischen Südstaaten bzw. die Deutsche Demokratische Republik bezogen sind, darunter die Rolle der Sklaverei in den autobiographischen Erinnerungen der Eliten der Südstaaten. Diese Diskussion gibt Aufschluss über die Konstruktion und Repräsentation des Old South in der amerikanischen Kultur bis in die heutige Zeit und hat bis heute nicht an Aktualität verloren, wie die derzeitige Debatte um die Frage nach Reparationen und damit der Verantwortlichkeit der Sklaverei für die soziale Ungerechtigkeit in der Gegenwart zeigt.

Während die Ereignisse, die jeweils von den Elitengruppen erinnert werden, kulturspezifisch und daher sehr unterschiedlich sind, stellt das Scheitern als Element der individuellen Biographie das verbindende und den Vergleich ermöglichende Element dar. Es gibt spezifische Diskurse über das gesellschaftliche Scheitern, die – scheinbar unabhängig von Zeit und Raum – in westlichen Kulturen zwar nicht identisch, aber doch gleichartig sind. Ob alte Eliten der Südstaaten oder alte Eliten der DDR, beide Gruppen haben eine unkritische und verklärende Sicht auf die Vergangenheit, während die jeweiligen neuen Eliten häufig auch die Möglichkeiten erkennen, die aus dem Neubeginn erwachsen. Allen diskutierten Elitengruppen ist gemeinsam, dass sie in ihren Texten den Versuch unternehmen, sich mit den biographischen Brüchen, die durch den „Systemwechsel“ entstanden sind auseinanderzusetzen. Zuwenig Beachtung findet in dem Buch die offensichtliche systemkritische Parallele zwischen den beiden Ideologien: Die Kapitalismuskritik des feudalistischen Südens und der marxistischen DDR wäre, wenn sie auch von sehr verschiedenen politischen Standpunkten aus formuliert ist, eines Vergleichs wert gewesen (Stichwort „Lohnsklaverei“) – wie auch die marxistische Sicht auf den amerikanischen Süden ideologisch aufschlussreich gewesen wäre.

Zahlmanns Arbeit legt im Hinblick auf die von ihm diskutierte Thematik das dar, was in den USA häufig unter dem Stichwort „contested memories“ diskutiert wird: verschiedene Gruppen in der Gesellschaft verarbeiten die Vergangenheit unterschiedlich. In diesem Sinne bleibt natürlich insbesondere zu fragen, wie diejenigen, die nicht den in Zahlmanns Schrift ausführlich behandelten Eliten zuzurechnen sind, ihre autobiographischen Erinnerungen in das nationale kulturelle Gedächtnis einbringen werden und ob sich der Topos des „gesellschaftlichen Scheiterns“ ähnlich wie die verwandte Kategorie des „kollektiven Trauma“ als Schlagwort in der kultur- und geschichtswissenschaftlichen Diskussion etablieren wird und somit auch weitere Vergleiche – so z.B. mit Südafrika – möglich sein werden.


Rezensentin:
Julia Sattler






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