theologie.geschichte, Bd. 4 (2009)

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theologie.geschichte - Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte


Marion Werner, Vom Adolf-Hitler-Platz zum Ebertplatz. Eine Kulturgeschichte der Kölner Straßennamen seit 1933, Köln 2008, 39, 90 EUR, 448 S., ISBN: 978-3412201838


Am 3. März 2009 stürzte in der Kölner Severinstraße das Stadtarchiv samt angrenzender Gebäudeteile in sich zusammen. Der U-Bahnbau hatte sein größtes Unglück, möglicherweise ausgelöst durch Fehler bei der Absicherung der Baugruben gegen Grundwasser. Zwei junge Männer starben. Unter den Trümmern zu großen Teilen zerstört wurden auch Dokumente der Stadtgeschichte, von denen gerade die weniger spektakulären nirgends anders dokumentiert sind. Was das für die künftige Forschung bedeuten mag, kann man sich an einem Buch wie dem hier besprochenen klar machen, denn im Anmerkungsteil von Marion Werners Geschichte der Kölner Straßennamen stößt man andauernd auf Verweise zu Akten des Stadtarchivs. Eine Arbeit wie diese wäre derzeit in Köln nicht mehr möglich.

Nicht nur für Kölner und Historiker
Die Kölner geben sich gern lokalpatriotisch und fühlen sich ihrer alten Stadt tief verbunden. Aber diese Verbundenheit ist mehr durch Klischees und Legenden geprägt als durch Kenntnis. Das sei eingangs gleich an einer selbstkritischen Anekdote illustriert: Der Verfasser dieser Rezension hörte einmal zwei Mitfahrende in der Straßenbahn den Namen "Appellhofplatz" kommentieren: "Das standen früher eben Apfelbäume." Er lächelte in sich hinein, denn er glaubte es besser zu wissen. Der Appellhofplatz liegt nahe des Stadtmuseums im alten Zeughaus, also der Waffenkammer der Stadt. Offenbar war der Platz also der Aufstellungsort der Stadtsoldaten, dachte er. Bei Marion Werner erfuhr er jetzt jedoch, dass  auch er einer selbst geschmiedeten Volksetymologie aufsaß. Tatsächlich kommt der Name des Platzes von dem Appellationsgericht, dass hier 1819 gegründet wurde (Werner 4). Nicht an das Militär, sondern an eine frühe Institution zur Sicherung von Bürgerrechten wird hier also erinnert - was den Autor, der an diesem Platz arbeitet, durchaus freut.

Richtigstellungen und Aufklärungen dieser Art können Kölner in Werners Buch vielfach finden. Aber kann man Nicht-Kölnern oder auch Nicht-Historikern (wie dem Autor) eine Dissertation von mehr als 400 Seiten über Straßennamen zur Lektüre empfehlen? Man kann! Denn Marion Werner gelingt es, ihren Beitrag zu einem breit angelegten Kölner Forschungsprojekt spannend und streckenweise sogar unterhaltsam zu gestalten. Auch der Theorieteil, der an den Schluss gestellt ist (388-343), kommt nicht in schwer verdaulichem Dissertations-"Deutsch" daher. Wem die methodische Begründung nicht so wichtig ist, kann gleich mit der Aufbereitung der Ergebnisse teilweise komplexer historischer, sprachwissenschaftlicher und statistischer Arbeit beginnen. Werners Forschung ist zum großen Teil historisch angelegt: Sie schildert in mehreren Durchgängen die Veränderung Kölner Straßennamen von 1933 bis 1997: Welche Themen wurden bei Um- und Neubenennungen bevorzugt, welche politischen Akzente wurden dadurch gesetzt, welche ökonomischen, religiösen, geografischen, kulturellen, militärischen, sozialen Geschichten wurden durch Straßennamen ins kulturelle Gedächtnis eingetragen? Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Übereinstimmung von Straßenbenennungen und den Entwicklungen der Politik und des Zeitgeistes ist frappierend und bleibt keinesfalls an der Oberfläche dessen, was man sich auch selbst zusammenreimen kann - wie die titelgebende Umbenennung eines Platzes von Hitler- in Ebertplatz.

Manipulation des kulturellen Gedächtnisses auf Straßenschildern
Einige Beispiele für diese Tragweite der Straßennamen-Untersuchung seien herausgegriffen: Sie stützt induktiv die These der Sprachwissenschaft, dass Benennung, also auch Namen, ursprünglich Bezeichnung ist. Eigennamen sind ursprünglich nicht leere Etiketten für ein Konkretum, sondern eine formelhafte Erfassung und Beschreibung. (Werner 288-293) Die vorneuzeitlichen Straßennamen vom Typ "Am Salzmarkt" stehen noch für diese transparenten Namen, während bei einer modernen "Lindenstraße" niemand mehr auf das Vorhandensein solcher Bäume schließen kann. Wir leben in der Moderne nicht mehr in einer sinnlich vermittelten, sondern in einer durch komplexe Bewusstseinsverknüpfungen geordneten Welt (eindrücklich 248 f.), und das zeigen auch unsere Straßenpläne. Nun werden die Straßennamen zu Registern des kulturellen Gedächtnisses, und dies überraschender Weise "erst mit dem Aufkommen der europäischen Nationalstaaten im 19. Jahrhundert." (8) Erst jetzt  wird das kulturelle Gedächtnis von oben, systematisch auf ein bestimmtes nationales Selbstverständnis geeicht - und Straßennamen werden zum Propagandamittel.

Dass die Nazis dies mit besonderer Systematik anwenden, ist wohl erwartbar. Sie tilgen die Erinnerung an herausragende Demokraten, an Linke und an Juden. Sie benennen Straßen nach den "Martyrern" ihres Machtkampfes, aber auch nach geografischen Eckpunkten ihres Expansionsstrebens - von "Wiener Platz" bis zur "Tarnowitzer Straße" und bis zu den verlorenen Kolonien. Solche systematische Propaganda für eine politische Idee gibt es aber auch in der Nachkriegszeit, wenn etwa die Europapolitik sich in ganzen Straßen-Clustern zu europäischen Orten niederschlägt (91). Besonders amüsant sind die Abschnitte, die von den Schwierigkeiten direkt verordneter Erinnerungspolitik berichten: wenn die Benennung nach Größen wie Konrad Adenauer (125 f), Willy Brandt (212-216) und Heinrich Böll (2-6) besonders ehrenvoll vollzogen werden soll, aber regelmäßig in dem endet, was ein Kölner Bürger treffend als politisches "Millowitsch-Theater" bezeichnet (5). Solches Theater wird seit den 90er Jahren des Öfteren auch aufgeführt, wenn die Stadt Köln einmal wieder gegen ihren eigenen Grundsatz verfährt und großen Firmen zu Werbezwecken Straßennamen überlässt ("Toyota-Allee", 104). Diese Ökonomisierung des öffentlichen Raums (60-64) ist ein ebenso deutliches Indiz für sich verändernden Zeitgeist wie der wahrlich späte Niederschlag des Feminismus in den Straßennamen: Noch bis 1986 trugen in Köln gerade einmal 6 % der nach Personen benannten Straßen weibliche Namen (199). Erst in den 90er Jahren wird dieser Anteil immerhin auf 21 Prozent gesteigert (208).

Ein deutlich kürzerer Teil (242 - 287) untersucht synchron den derzeitigen Bestand Kölner Straßennamen in einem Vergleich ausgewählter Stadtteile. Hier ist manches erwartbar und auch ein wenig banal - etwa dass die Altstadt mit ihren Straßennamen mehr geschichtliche Tiefe vermittelt als die Benennungspraxis in der Trabantenstadt Chorweiler. Überzeugend jedoch ist das Ergebnis einer sozialen Korrelation: Gehobene Viertel erhalten tastsächlich auch gehobenere Namen. Goethe, Schiller, Kant und Beethoven gehören auch schildertechnisch nicht ins Arbeitermilieu (261). Straßennamen wirken so wie soziale Stigmen.

Dass eine Untersuchung zu Straßennamen auch für die Themen von "theologie.geschichte" interessant sein kann, möchte ich an zwei Themenkreisen erläutern:

Rückkehr des Religiösen
Dass es in Köln traditionell eine Vielzahl religiös konnotierter Straßennamen gibt, meist auf den Dom und andere kirchliche Gebäude bezogen, verwundert nicht. Überraschend jedoch ist die Beobachtung, dass Straßenbenennungen mit religiösem Bezug in neuester Zeit deutlich zugenommen haben. Zwischen 1990 und 1997 wurden vier von 22 umbenannten Straßen katholischen Pfarrern gewidmet, "gerade in einer Zeit, in der die Kirche - selbst im katholischen Köln - immer mehr an Macht verliert" (59).

Die Nazis hatten religiöse Bezüge bei Benennungen weit gehend außen vorgelassen, nur Martin  Luther und Ulrich von Hutten als nationale Reformatoren vereinnahmt (148). In der Nachkriegszeit stiegen Benennungen mit religiösem Bezug dann von 3 auf 6 Prozent (149[1]). In den 1960er und 70er Jahren steigen die neuen Straßenhinweise auf Religiöses dann auf 12 Prozent an, was vor allem daran liegt, dass nun verspätet an jüdische Opfer des Dritten Reiches erinnert wird. Das die religiösen Bezüge danach auf diesem Niveau bleiben und in den 90er Jahren sogar noch auf 19 Prozent ansteigen (151 f.), begründet Werner zum einen mit der kommunalen Gebietsreform: Das enorm vergrößerte Köln gliedert sich nun in Stadtbezirke, die ihre Straßenbenennungen selbst vornehmen (151). Dadurch werden lokale Größen und hier eben auch - unterstützt durch ihre Gemeinden - Pfarrer oder Kirchen "vor Ort" gewürdigt. Mit Blick auf die Auswahl wertet Werner dies aber auch als Ausdruck eines Beheimatungsbedürfnisses und einer Demonstration für traditionelle und soziale Werte. [2] "In einer Zeit des wachsenden Egoismus setzen diese Umbenennungen Kontrapunkte und schreiben traditionelle Werte auf der Ebene des unverrückbar Verbindlichen fest." (60[3]) So interessant und einleuchtend diese Deutung ist, so macht sie doch ein methodisches Problem der Arbeit deutlich: Ihre Schlüsse aus einer Art Korrelations-Analyse von Zeitgeist und Straßenbenennungen bleiben in dem Maße Spekulation, in dem sie sich nicht durch Aussagen aus dem Benennungsverfahren belegen lassen, was gerade bei den lokalen Vorgängen oft der Fall ist. Sind diese Umbenennungen tatsächlich so gemeint - und nach vorn gefragt: Kommt solch eine Botschaft bei den alltäglichen "Nutzern" der Straßennamen auch an? Wie wirksam sind "Straßennamen als identitätsfördernde, wenn nicht gar -konstituierende Mittel" (232) wirklich? Gerade diese sozial-empirische Frage sieht Werner selbst als eine Aufgabe künftiger Forschung (342).


"Vergangenheitsbewältigung" in Straßennamen
In der Nachkriegszeit bis 1956 wird per Um- und Rückbenennungen mit dem Nationalsozialismus auf den Straßenschildern wieder aufgeräumt. Bezeichnender Weise manifestiert sich in den frühen Jahren der Bundesrepublik auch hier eine eher unpolitische, ja fluchtartige Form der "Vergangenheitsbewältigung": Faschistische und allzu nationalistische Bezüge werden getilgt (33) [4]. Aber "lediglich 3 % aller 365 Gesamtbenennungen der Zeit von 1945 bis 1956 wurden im Gedenken an Geschädigte des NS-Regimes benannt" (183 f.), darunter ist kein einziger Jude (149). Wenn man sich dem Thema nähert, dann anhand der Namen von Widerstandskämpfern als Zeugen des "anderen Deutschlands", und von diesen erinnert man ganz überwiegend an Vertreter des katholischen Widerstands (184 f.) Erst ab den 60er Jahren werden dann vermehrt Namen von Verfolgten und Opfern des Nationalsozialismus in den Kanon der Straßennamen aufgenommen (93, 187). Die Kölner Straßenbenennung bestätigt also die zahlreichen Forschungsergebnisse über den einseitigen und die Tätergeschichte verdrängenden Umgang mit der gerade erst vergangenen Vergangenheit in den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Das erste jüdische Opfer auf einem Kölner Straßenschild wird 1968 Edith Stein, eine Konvertitin zum Katholizismus. (Die Problematik dieser Auswahl entgeht Werner allerdings.) Seit den 70er Jahren werden Benennungen auch nach Kölner Shoa-Opfern dann häufiger. (Vgl. 191-193) Man geht offenbar von einer Helden- zu einer Opferperspektive über. Sinti, Roma und Euthanasieopfer fehlen dabei allerdings bis heute. (199)

Mir scheint außerdem, dass ein entschiedener Blick auf die Tätergeschichte im kulturellen Gedächtnis der Straßennamen immer noch fehlt. Nicht, dass man Straßen nach Tätern benennen sollte. Aber wo die Grenze des Erinnerns liegt, zeigt Werners Beispiel von der schließlich gescheiterten Initiative zur Rück-Benennung einer Straße nach der jüdischen Firma Meirowsky in Köln-Eil. (192 f.) 1941 war die Firma "arisiert" worden und mit ihr auch die Straße: Sie hieß nun Ohm-Straße. So steckt in der Umbenennung selbst lokale Täter-Geschichte, und eben das behindert die Bewältigung. Auch ende der 80er Jahre war man nur bereit, eine kleine Straße abseits des eigentlichen Erinnerungsortes wieder nach Meirowsky zu benennen. Die Nazi-Umbenennung der Ohmstraße dagegen blieb bestehen. Die "freimütige Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit" werde auch heute noch schwierig, schließt Werner, "wo die Erinnerung hautnah" ist. (193[5]) Den erschreckendsten Beleg für diese Einsicht lieferten von 1989 bis 1990 Einwohner des Oberschichts-Viertels Hahnwald. Zehn Jahre kämpften sie, wenn auch vergeblich, für die Umbenennung des "Judenpfads". Sie wollten lieber "Im Fliederhain" leben, weil der jetzige Name ihrer Straße den Grundstücksverkauf behindere (275).



[1]Hier nennt Werner auch die neue Abt-Herwegen-Straße. Leider entgeht ihr jedoch, dass dieser Abt von Maria Laach aus anti-demokratischer Gesinnung zu Beginn der NS-Regierung die Nähe zu den Nationalsozialisten suchte.
[2] Dabei übersieht Werner allerdings den religiösen Bezug einiger bei ihr im Blick auf das Soziale ausgewerteten Straßennamen, die auf Don Bosco, Bodelschwingh oder die Steyler Missionsschwestern verweisen. Vgl.166 und die Fußnoten 544, 545 und 548. Im Religions-Kapitel tauchen diese Namen nicht mehr auf, obwohl sie Werners Ergebnis hier sogar noch verstärkt hätten. Auch sonst gibt es kleine Fehler im Buch - wie den, Moses Heß bis 1975 leben zu lassen, Fußnote 489 - aber die sind selten.
[3]In die gleiche jüngste Vergangenheit fällt auch der Trend zu kuscheligen bis kitschigen altertümlichen Straßennamen a la "Am Kutzpfädchen", so dass in Köln mitunter besonders alt klingt, was besonders jung ist. Vgl. 116-119.
[4]"Gorch Fock" u.ä. allerdings hier wie auch anderswo nicht
[5] Die andere Seite stellt das Beispiel der Haedenkampstraße dar. Sie wird 1986 in Herbert-Lewin-Straße umbenannt: nach einem jüdischen Arzt statt nach dem Präsidenten der Bundesärztekammer, der nachweislich ein überzeugter und veröffentlichender Nationalsozialist war. Die Benennung nach Haedenkamp war erst 1956 erfolgt! Und um die Umbennennung musste mehr als sechs Jahre gegen den Widerstand der Bundesärztekammer gekämpft werden, obwohl Haedenkamps Vergangenheit da schon unbestreitbar war.


Rezensent:
Gregor Taxacher




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